Schöne neue Medienwelten

Medienpädagogisches Forum

  

Ein dickes Brett für dicke Bohrer

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Eltern (als Einzelpersonen) wenden sich, wenn überhaupt, nur an das örtliche Jugendamt, wenn entweder eine persönliche Betroffenheit vorliegt („…mein Sohn hat….“) oder um Missstände in anderen Familien mitzuteilen. Um nicht falsch verstanden zu werden, letzteres ist durchweg positiv zu bewerten. Allerdings ist festzuhalten, dass hierbei oft der eigene Maßstab als allgemeingültig angesetzt wird. Die Begrifflichkeit „Jugendschutz“ fällt hier in der Regel aber nie präventiv, sondern ausschließlich restriktiv.

Das Jugendschutzgesetz (JuSchG) – letztmalig geändert am 31.10.2008 – beinhaltet seit 2003 alle Bestimmungen des ehemaligen Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften (GjS) und ist die bekannteste Rechtsvorschrift. Die präventiv formulierte Bestimmung des § 14 KJHG ist in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Politisch wird der gesetzliche Jugendschutz „gern“ instrumentalisiert. Seit dem Erfurt-Massaker stehen die so genannten Killer-Spiele im Fokus der Öffentlichkeit. Das Bundesland Bayern fordert eindringlich ein Totalverbot – bleibt jedoch eine schlüssige Begründung und Abgrenzung von anderen Spielegenres schuldig.

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Jugendlichen, die eigentlich geschützt werden sollen, erschließen sich die Bestimmungen oftmals überhaupt nicht bzw. sie sind vollkommen unbekannt oder werden vorsätzlich missachtet. Ähnlich sieht es bei den Eltern aus.

Dabei wird eine fundamentale „Leistung“ des deutschen Jugendschutzrechtes, dass zugegebenermaßen sowohl den zu Schützenden als auch den Erziehenden eine Plausibilität und Transparenz nicht immer leicht macht, in den Hintergrund gedrängt. In der (für viele Erziehende/Erwachsene) zunehmend unübersichtlicheren Medienwelt bilden Jugendschutzgesetz und Jugendmedienschutzstaatsvertrag die gesellschaftlich abgestimmten (um das Wort „Konsens“ einmal zu vermeiden) Grundlagen und „Erziehungsgeländer“ für eben jene Eltern und professionell Erziehenden. Dies gilt umso mehr, da das Thema „Medien und Kinder“ für diese Zielgruppe der Medienarbeit nur bis zu einem bestimmten Alter relevant ist. Bei Elternabenden in der Kindertagesstätte oder der Grundschule glänzen Eltern in der Regel durch Anwesenheit. Sie nutzen die Gelegenheit, eigene Unsicherheiten und/oder Erziehungsstile zu hinterfragen. Auf der weiterführenden Schule, spätestens nach der Orientierungsstufe, erlahmt dieses Engagement. Hier treffen sich dann oft jene Eltern, die ihr eigenes Medienerziehungsverhalten ohnehin reflektieren; der berühmte Satz dieser Runden lautet dann „…die, die es eigentlich angeht, sind heute Abend leider nicht da…“

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Jene Elternabende sind das traditionelle Element der Elternarbeit. Wie eingangs schon angeführt, werden sie oftmals nur einberufen, wenn mediale Berichterstattung das Medienthema „wichtig macht“ (Stichwort Erfurt). Der Grundtenor reduziert die Problematik dann in der Regel auf ein Jugendproblem. Die Erwachsenenwelt sieht sich „vornehm“ in der Beobachterrolle.

Einschlägige Mediennutzungsuntersuchungen weisen allerdings aus, dass die Altersgruppe der 40-49jährigen die intensivste quantitative Nutzung ausweist (vgl. Mediaperspektiven 07/2005). Sicherlich unterscheidet sich die konkrete Medienauswahl und Nutzungstiefe von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, aber der einseitige Blick auf die „Jugendgefährdung“ verstellt das Gesamtthema. Also: Elternarbeit beinhaltet eine Reflektion des eigenen Verhaltens. In diesem Kontext sind die folgenden Thesen einzuordnen.

  • Es gibt mindestens zwei unterschiedliche Medienwelten – jene der Kinder/Jugendlichen und die der Erwachsenen.
  • Eine Kommunikation zwischen den Generationen über Inhalte, Vorlieben, Abneigungen … findet nicht statt.
  • Die (noch) überwiegend an den Bedürfnissen der Erwachsenenwelt orientierte Medienwelt wird zunehmend über Web 2.0 von jungen Menschen verändert.

Wie gelingt der Spagat zwischen Information, Aufklärung und persönlicher (erwachsener) Betroffenheit?

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Es gilt zuvorderst, die Zielrichtung der Elternarbeit und die eigene Rolle in diesem Prozess zu definieren. Wenn ausschließlich Sachinformation gewünscht ist, reicht sicherlich eine auf die jeweilige Anforderung zugeschnittene Präsentation. Garniert mit Beispielen und der Möglichkeit einer anschließenden Diskussion sind i. d. R. die anwesenden Eltern zufrieden. Eine Nachhaltigkeit ist eher unwahrscheinlich, da z. B. Hinweise auf rechtliche Bestimmungen oder einschlägige Informationsplattformen im Internet oftmals nicht in eigenes Handeln umgesetzt werden.

Erfolgsversprechender sind niederschwellige Modelle, in denen kein „Fachmann“ auf Unwissende trifft (die klassische Referentensituation), sondern Eltern selbst den Verlauf, die Themen und mögliche Handlungsoptionen bestimmen. Der Elterntalk der bayerischen Aktion Jugendschutz ist der umfassendste (und evaluierte) Ansatz. Zentrales Element des Modelles ist die Ausbildung von Moderatoren, die dann die selbst organisierten Runden der Eltern leiten. Ein wenig „Tupperparty“ lässt grüßen.

Haken an der Sache? Auch hier spielt der Dialog zwischen den Generationen eine eher untergeordnete Rolle. Es wird über Kinder und Jugendliche geredet.

Andere Zugänge zur Elternarbeit bieten Familienseminare. Hier treten Eltern und Kinder gemeinsam an, um das Medienthema unter Anleitung eines (Medien‑)Pädagogen zu bearbeiten. Das Szenario reicht von Rollenspielen, in denen z. B. Kinder in die Rolle der Eltern (und umgekehrt) schlüpfen und Alltagssituationen, vom Kampf um die Fernbedienung bis zum heimlichen Daddeln unter der Bettdecke, aufgreifen. In Dithmarschen wurden mehrere Versuche mit unterschiedlichen Kooperationspartnern gestartet. Es kam jedoch nur einmal zu einer Umsetzung. Das 2-tägige Seminar (mit mageren 4 Erwachsene und 6 Kindern) machte allen sicherlich viel Spaß und es entstanden lustige Produkte. Die Nachhaltigkeit ist gleichfalls zweifelhaft und: Es waren wiederum nur Familien präsent, in denen per se eine Auseinandersetzung mit Medienkonsum und Medieninhalten stattfindet.

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Als „Königsweg“, um Eltern jenseits allgemeiner Besorgnisdiskussionen für das Thema Medien(kompetenz) zu gewinnen, ist der Umweg über die Kinder. So banal es klingt – eine „Welturaufführung“ nach einem produktorientierten Medienworkshop in der Kindertagesstätte oder der Schule sorgt für ein volles Haus. Es kommen auch jene Eltern, die klassische Informationsangebote verweigern oder daran kein Interesse zeigen. Ihre Kinder „sorgen dafür“, dass auch sie kommen. Denn schließlich geht es um Wertschätzung der kindlichen „Arbeit“. Oft gelingt es, regelrechte Familientreffs zusammen zu stellen. Da tauchen Oma und Opa, Geschwister und Freunde auf. Sind alle beisammen, steht die Präsentation des Arbeitsergebnisses vordergründig im Mittelpunkt. Die Eltern erleben die Kompetenz ihrer Kinder. Danach besteht die Möglichkeit, idealerweise interaktiv über die Kinder, zentrale Botschaften zu versenden.

Beispiel gefällig?

In einer 2. Grundschulklasse wird über mehrere Tage ein Hörspielprojekt durchgeführt. Es entsteht eine Abenteuergeschichte auf hoher See. Bei der Präsentation vor vollem Haus bekommen die kleinen Macher zuerst Wertschätzung durch die Erwachsenen. In einer anschließenden kleinen Einheit zeigen die Kinder, wie sie z. B. die Meeresgeräusche produziert und aufgenommen haben.

Oder nach einem kleinen Filmprojekt, dessen Ergebnis gezeigt wurde, filmen die kleinen Filmemacher bei der Präsentation ihre Eltern und unterlegen eine Einstellung vor Ort mit Musik (hierfür eignet sich das Schnittsystem CASABLANCA ganz hervorragend). Nach dieser Werkschau ist noch Raum für einige Ausführungen an die Eltern z. B. zum Umgang mit Medien. Das Setting ist weg von der Gefährdung, der Fokus liegt bei der Kreativität und dem Ansatz Medien als Werkzeug zu nutzen.

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Diese Herangehensweise erfordert allerdings, dass der Moderator (um den Begriff des Medienpädagogen einmal zu schonen) neben theoretischem Wissen und der Fähigkeit, diese Inhalte auch einer großen Gruppe näher zu bringen, auch Fertigkeiten der praktischen Medienarbeit mit Kindern und Jugendliche haben muss.

Um alle benannten Elemente, vom Vortrag über „Elternstammtische“ und Projektangeboten zu bündeln, wurde für Schleswig-Holstein die Ausstellung „Ausflug in die Medienwelten“ konzipiert. Ausgehend von Alltagsgeschichten rund um die Familie Kiniesebusch (zugegeben eine klassische Spießerfamilie mit Mama, Papa und 2 Kindern) bieten die Ausstellungstafeln für den schnellen Konsum kurze prägnante Ausführungen zu den Themenbereichen elterliches Vorbild, Medienentwicklung, Computer, Musik, Internet/PC, Fernsehen, Kinderkassetten und Kino. Zur Ausstellung, die sich an Eltern von Kindern bis ca. 12/13 Jahren wendet, gibt es eine Begleitbroschüre, die vor Ort kostenlos abgegeben wird. Hier sind die Informationen zu den einzelnen Themenfeldern gleichfalls kurz und knapp, allerdings umfassender.

Am Ausstellungsort werden weiterhin angeleitete Kinderführungen angeboten und ergänzend in den Schulen vor Ort Projekttage, damit der oben benannte Transfer auf die Elternebene stattfinden kann.

Die Broschüre findet sich als pdf auf dieser Dokumentation, gleichfalls die Ausstellung.

Autor: Gerd Manzke || Jugendschutzbeauftragter des Kreises Dithmarschen


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