Schöne neue Medienwelten

Medienpädagogisches Forum

  

… in der Welt der Chat-Communities!

Die Mediensozialisation muss als ein zentrales Phänomen von Jugendwelten begriffen werden. Die neuen Medien gewinnen in den Einzelspielräumen (1) der Mädchen und Jungen und in der Erweiterung um den Sozialbindungsraum (2), den Geschlechtsrollenspielraum und den Schutz- und Selbstbestimmungsspielraum eine immer prägnantere Rolle im Identitätsprozess. Die Lebenswelten der Mädchen sind komplex, diversitär und ihr Identitätsmosaik ist mit Erlebnissen aus der attraktiven, zuweilen auch „teuflischen“ virtuellen Welt geschmückt. Wir müssen als pädagogische Fachkräfte an diesem Konstruktions- und Sozialisationsprozess beteiligt sein und uns deshalb um die Medienkompetenz der Mädchen und Jungen und um unsere eigene bemühen.

Faszinationskraft der Online Communities – Warum chattest du?

„…es ist wunderbar für mich zu chatten, da meine Klassenkameraden auch registriert sind. Ich wohne auch sehr weit von meinen Mitschülern entfernt und so können wir uns auch am Nachmittag austauschen. Das ist besser als telefonieren, da ich nicht 10 Telefonleitungen habe. Außerdem kann ich viele Leute kennen lernen.
Da ich dick bin, lerne ich nicht so viele neue Leute kennen, und so geht das.“

(Mädchen, 14 Jahre)

(Quelle: http://www.chatten-ohne-risiko.net)

Mädchen und Jungen sind neugierig, wissbegierig und wollen das Internet in allen Varianten entdecken. Spannend ist dabei, die elterliche Kontrolle zu umgehen und in der Welt der Erwachsenen anonym Tabuthemen anzuzapfen. Die räumliche und zeitliche Unabhängigkeit im Chat ist attraktiv und die Zeit „online“ ist relativ kostengünstig.

„Es ist herrlich sich in Communities über allen möglichen Unsinn, stundenlang mit Anderen auszutauschen.“ (Berta, 15 Jahre)

Das Spiel mit verschiedenen Identitäten, das sogenannte Gender-Switching, ist außerdem reizvoll. Für viele Mädchen stellt auch das „Einmal-so-sein-können-wie-man-gerne-wäre“ eine der Hauptmotivationen für das Chatten dar. „Du wirst zu Superwoman und genießt deine gelebte Anonymität in der virtuellen Welt.“

„Es fühlt sich irgendwie frei an und viele Identitäten können online gelebt werden.“, sagt eine Schülerin.

Grenzen zwischen den Geschlechtern und Generationen verschwimmen, die Anrede im Chat ist immer per du, Chatfreunde werden oftmals schnell zu Vertrauten und landen in der Freundschafts-/Buddyliste (Buddy-Liste (Kontaktliste), Buddys (Freunde, KollegInnen, Familie)). Der Kommunikationsstil ist leger und oft geprägt von einer „Geheim“sprache (bzw. Geheimzeichen), die zum Teil nur die mitwissende Community versteht.

Chatten ist ein Online-Dialog zwischen zwei oder mehreren Beteiligten, die schriftliche Kommunikation erfolgt in „Echtzeit“. Mit der Tastatur werden Beiträge gesendet, die dann auf dem Bildschirm erscheinen.

GerritvanAaken_flickr.com, Tickern und Chatten

GerritvanAaken_flickr.com, Tickern und Chatten

Mediennutzung von Mädchen und Jungen

Die Interaktivmedien werden für Jungen und Mädchen zwischen 12 – 19 Jahren in ihren Lebenswelten als Konstruktion- und Sozialisationsinstanz immer bedeutsamer. Die JIM-Studie 2008 (3) befragt im Schnitt 1000 Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren. 47 Prozent der Mädchen und Jungen zu 54 Prozent besitzen einen persönlichen Internetzugang. Bei den 12- und 13-Jährigen Mädchen sind es immerhin schon 40 Prozent, im Vergleich zu 2007 war dies ein Anstieg um 7 Prozent, die Tendenz ist sicherlich steigend.

Die beliebtesten Internetaktivitäten (täglich bis mehrmals die Woche) sind bei Mädchen und Jungen die Benutzung von Suchmaschinen, danach der Austausch über Instant Messenger (z. B. ICQ) mit Angaben bis zu 74 Prozent der Mädchen gefolgt von Online Communities und Email. Signifikante Geschlechts bezogene Unterschiede manifestieren sich in Bereichen:

  • Filme/Videos anschauen (38 Jungen / 16 Prozent Mädchen)
  • Newsgroups lesen (29 Jungen / 16 Prozent Mädchen),
  • Multi-User-Spiele (33 Jungen / 5 Prozent Mädchen)
  • und das Online Spiel alleine (24 Jungen / 7 Prozent Mädchen).

Die Aussagen, warum Online Communities gerade en vogue sind und 60 Prozent der Mädchen täglich/mehrmals die Woche sich anmelden, reichen von „In den Profilen zu Stöbern macht Spaß“, „Man traut sich dort eher, auf jemanden zuzugehen und jemanden anzusprechen“ bis zur Aussage „In einer Internetcommunity kann man schnell neue Freunde finden“. Dem stimmen 50 Prozent der Mädchen und Jungen zu. Probleme wie „Es wurden Videos/Fotos ohne mein Wissen eingestellt“ stimmten 38 Prozent zu, dieses schon mal erlebt zu haben und 25 Prozent der Mädchen und Jungen ist bekannt, dass „Im Bekanntenkreis schon jemand in einer Community fertig gemacht wurde“.

Die momentan beliebteste Online-Community ist SchülerVZ, wo nach der neuesten JIM-Studie 70 Freunde zum gruscheln (es gibt keine genaue Übersetzung, „jemanden grüßen“, „flirten“, „kontakten“) als durchschnittlich und „normal“ gelten.

„Ob auf Plattformen wie „schülerVZ” oder auf der eigenen Homepage – Jugendliche gehen recht unbedarft mit persönlichen Angaben im Internet um. Drei Viertel der InternetnutzerInnen haben Informationen zu ihren Vorlieben oder Hobbies online gestellt. Weit verbreitet ist auch Bild- oder Fotomaterial, auf dem die Befragten selbst zu sehen sind (60 %) oder Freunde bzw. Familienmitglieder (46 %). Auch die eigene Email-Adresse ist bei mehr als 40 Prozent im Internet einsehbar, knapp ein Drittel hat die Nummer ihres Instant Messengers eingestellt. Mehr Zurückhaltung gibt es bei Handy- oder Festnetznummern, die nur sieben Prozent im Internet angegeben haben. Mädchen präsentieren häufiger als Jungen Bilder von sich und Dritten im Netz, Jungen geben zu einem größeren Anteil die E-Mail-Adresse oder die Nummer für Instant Messaging preis.“ (Quelle: http://www.mpfs.de)

mzeecedric_flickr.com, so geht chatten…

mzeecedric_flickr.com, so geht chatten…

Zwei Schülerinnen erzählen über ihr Profil in SchülerVZ (4):

„Fiona (13 Jahre): Also mir ist es wichtig, dass nur die Wahrheit auf der Seite steht und dass die Bilder, die von mir reingestellt werden, gut aussehen.
Carolina (13 Jahre): Mein Anzeigebild soll gut aussehen und die Sachen, die ich schreibe, sollen mich gut beschreiben.
Fiona & Carolina: Bilder hochzuladen ist uns wichtig, weil man sich die Leute dann besser vorstellen kann.
Fiona & Carolina: Es gefällt uns nicht, wenn die Schimpfwörter auf ihre Seiten schreiben.
Fiona & Carolina: Unser tollstes Erlebnis war, dass wir alte Bekannte wieder gefunden haben.
Fiona & Carolina: Schummeln von persönlichen Informationen geht gar nicht – wir lügen nicht, weil wir das nicht gut finden.“

Während Mädchen die schöne neue Medienwelt insbesondere kommunikativ nutzen, scheint sie für Jungen zudem ausgeprägte spielerische und technische Reize zu haben. Die Folge ist eine nach Geschlecht differierende Ausprägung von Medienkompetenz, gerade in Verbindung mit dem im elterlichen Milieu vorgelebten Mediennutzungsverhalten und Wertekanon. (vgl.: http://www.mekonet.de)

Gefahren beim „Plaudern“

andreashagerman_flickr.com, Einfach draussen Chatten„Gerade durch das weit verbreitete Rollenspiel im Chat können Mädchen und Jungen keine Rückschlüsse auf die wirkliche Identität ihres Gegenübers ziehen, „da niemand wissen kann, ob sich hinter dem zwölfjährigen Tim, der im Chat Kontakt zu einem Jungen aufnimmt, tatsächlich nicht z. B. ein 40-jähriger Pädokrimineller auf der Suche nach seinem nächsten Opfer verbirgt.“ (5) Viele Kinder und Jugendliche sind sich dessen jedoch nicht wirklich bewusst, so dass die TäterInnen die Neugier und das Interesse von Mädchen und Jungen für Themen wie Liebe, Freundschaft und Sexualität wiederum zur Befriedigung ihrer sexuellen Gewaltfantasien missbrauchen.“ (6)

andreashagerman_flickr.com, Einfach draussen Chatten

Auszüge aus zwei Gesprächen in Chatrooms:

<steffi>: du bist 10
<jonas10>: 10: ja und du?
<steffi>: 14
<steffi>: ich such was intimes
<jonas10>: was heißt das
<steffi>: na ja wie soll ich dir das sagen
<jonas10>: sag mal
<steffi>:: wixt du manchmal?
<jonas10>: nein
<steffi>: ist dein pimmel manchmal steif?
<jonas10>: ja
<steffi>: dann nimmst du ihn in die hand und machst hin und her
<steffi>: mach einfach mal
<tanja12>: aha
<!!Boy!!>: und bekomme ich einen tanga?
<tanja12>: was bekomm ich dafür?
<!!Boy!!>: 20 euro
<!!Boy!!>: noch da??
<tanja12>: aha
<tanja12>: und wie würd das funktionieren?
<!!Boy!!>: du trägst deinen tanga zwei tage steckst ihn in einen beutel und schickst ihn mir mit einem bild von dir
<!!Boy!!>: und??
<tanja12>: mh
<tanja12>: weiß nicht
<!!Boy!!>: passiert doch nichts

Viele Mädchen haben bei ihren Chatbesuchen schon ein- oder mehrmals die Erfahrung gemacht, „gegen ihren Willen z. B. sexuell angemacht, nach sexuellen Erfahrungen gefragt oder direkt vor laufender Web-Cam zu sexuellen Handlungen aufgefordert [zu werden].“ (http://www.chatgewalt.de, 5.7.2007) So berichten beispielsweise zwei Mädchen:

„Ich bin schon als Hure, Nutte, Tussi, Schlampe, Bitch beschimpft worden. Das macht mich traurig. Chatten soll doch Spaß machen!“ (Mädchen, 11 Jahre)

„Man wird oft blöde angemacht. Es fragen viele, ob man Cybersex will oder so. Das ist voll blöd. Und wenn man dann sagt, sie sollen aufhören, beschimpfen sie einen. Die Wörter will ich lieber nicht nennen“ (Mädchen, 13 Jahre).

(Quelle: http://www.chatten-ohne-risiko.net)

Anforderungen an eine adäquate Medienerziehung/-bildung für Mädchen und Jungen

1. These: Geschlechtsbezogene Medienkompetenzförderung ist notwendig!

Mädchen und Jungen gehen nicht kongruent mit der schönen neuen Medienwelt um. Abzulesen an den Nutzungspräferenzen, die Wahl des Medienangebots, in der Nutzungshäufigkeit. Die geschlechtersensible/-bewusste Medienkompetenzförderung sollte dies in ihrer pädagogischen Arbeit mit Mädchen und Jungen berücksichtigen.

2. These: Mädchen und Jungen muss die Chance gegeben sein, medienkompetent aufzuwachsen!

„medienpädagogische kreative Projekte“ sind wichtig, aber nicht hinreichend. Die Nutzungsvielfalt für beide Geschlechter gilt es anzustreben. An der Stelle müssen die Mädchen/Jungen und pädagogische Fachkräfte begreifen, dass es eine Kunst ist, die Perspektive zu wechseln und ein Austausch im intergenerativen Dialog ist notwendig.

(nach Baacke)

3. These: Geschlechtsbewusste Präferenzen ernst nehmen, ohne zu hierarchisieren oder unangemessen zu stereotypisieren!

Medien als stereotype Inszenierungen von Weiblichkeit und Männlichkeit müssen in der Mädchenarbeit entlarvt werden und mit den Mädchen diskutiert werden im Bezug auf ihre Selbstinszenierung und ihr Selbstkonzept in der virtuellen Welt.

4. These: Traditionelle Geschlechterordnung aufbrechen!

Hinzu kommt, dass „die symbolische Zuordnung von Geschlecht im Umgang mit Technik [...] die traditionelle Geschlechterordnung insofern [zementiert], als Jungen dies als ihre Domäne ansehen und in der Interaktion mit Mädchen ihre tatsächliche, häufig nur ihre vermeintliche, Vormachtstellung behaupten wollen.“ Für Praxisprojekte zur Medienkompetenzförderung bedeutet dies, „im Wissen um solche Zusammenhänge an den Interessen der Jugendlichen anzuknüpfen und phasenweise z. B. in monoedukativen Settings zu arbeiten, um den Interessen der Jugendlichen gerecht zu werden“. (7)

5. These: Perspektiven erweitern! Koedukation und Monoedukation als gleichwertige Ansätze begreifen!

…„die Grenzen zu erweitern und mit Neuem und dem Anderen zu experimentieren. Auf diese Weise können begrenzte Handlungsräume und -perspektiven wahrgenommen und überwunden werden“. (8)

6. These: Kein Problemaufriss!

…sondern interessiert beobachten, was sich in den Lebenswelten der Mädchen durch die schöne neue Medienwelt bewegt, Chancen und Risiken der neuen Kommunikationsmöglichkeiten (z. B. Chat, Messenger) erkennen und im intergenerativen Dialog begreifen.

MalyKrtek_flickr.com, Chatten makes fun everywhere

MalyKrtek_flickr.com, Chatten makes fun everywhere

Konkrete Projekte und Anregungen zur Umsetzung finden Sie im Dossier: „Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung“ von mekonet, Medienkompetenz-Netzwerk in NRW. (vgl.: http://www.mekonet.de (5.12.2008))

Als pädagogische Fachkräfte sind wir aufgefordert uns am medialen Aufwachsen der Mädchen und Jungen zu beteiligen, bleiben Sie aktiv im Dialog und begleiten Sie die Mädchen und Jungen auf dem Weg zu ihrer „Online“-Identität.

Autorin: Diana Emberger || FUMA Fachstelle Gender NRW

(1) vgl. Nahnsen, Ingeborg (1975): Bemerkungen zum Begriff und zur Geschichte des Arbeitsschutzes. In: Osterland, M. (Hrsg.): Arbeitssituation, Lebenslage und Konfliktpotential. Frankfurt a.M.

(2) Enders-Dragässer, Uta/Sellach: Weibliche Lebenslagen und Armut am Beispiel von allein erziehenden Frauen. in: Hammer, Veronika/Lutz, Ronald (Hrsg.): Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele. Frankfurt 2002

(3) JIM – Jugend, Information, (Multi-)Media, eine Basisuntersuchung zum Medienverhalten vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest, erschienen am 28.11.2008

(4) Quelle: B-trifft Mädchen Heft 3/2008: gruscheln oder gruseln;-) Mädchen und neue Medien, Hrsg.: LAG Mädchenarbeit NRW

(5) U. Enders, Missbrauch im Chat: Sexueller Missbrauch in den Chaträumen des Internets - Wie Mädchen und Jungen sexuell ausgebeutet werden und wie Erwachsenen sie davor schützen können, pdf-Datei, S.4, 2004, http://www.zartbitter.de Stand 1512.08

(6) Quelle: vgl. (4)

(7) Quelle: Luca, Renate / Aufenanger, Stefan (2007): Geschlechtersensible Medienkompetenzförderung. Mediennutzung und Medienkompetenz von Mädchen und Jungen sowie medienpädagogische Handlungsmöglichkeiten

(8) ebda.


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